Grün bis in den Himmel

Hausfassade als vertikaler GartenFoto: ArTo/Adobe Stock

Immer mehr Hausbesitzer möchten die Fassade ihres Hauses begrünen, um sie besser vor Witterungseinflüssen zu schützen oder optisch aufzuwerten. Auch die positiven Auswirkungen einer Bauwerksbegrünung auf die Temperaturen im Haus und auf das Stadtklima allgemein wecken bei Bauherren den Wunsch nach einer Begrünung des Hauses. Damit Ihre Fassadenbegrünung auch die gewünschten Effekte erzielt, sollten Sie einige Dinge beachten.
 

Für welche Fassade?

Grundsätzlich könnte man fast jede Fassade begrünen. Die Ausgangssituation spielt hierbei jedoch eine wichtige Rolle: Wird die Fassade noch geplant oder steht das Gebäude schon? Bei der Neuplanung können die Wünsche der Bauherren bezüglich der Gestaltung der Fassade einfließen und der Fassadenaufbau entsprechend so geplant werden, dass eine Begrünung möglich ist.

KletterpflanzeFoto: doris oberfrank-list/Adobe Stock

Wenn man weiß, dass eine Fassade begrünt werden soll, dann können z.B. stabile Verankerungen für eine Kletterhilfe so geplant werden, dass keine Wärmebrücken entstehen. Sollte das Haus mit einem Wärmedämmverbundsystem versehen werden, können die Verankerungen so steif ausgeführt werden, dass an der Durchdringungsstelle im Dünnputz trotz der Windlast keine Bewegung entsteht. Das gleiche gilt, wenn eine hinterlüftete Fassade mit vorgehängten Fassadenplatten geplant ist: Dann werden Aussparungen an den Verankerungsstellen in die Fassadenplatten eingearbeitet.
 

Komplexes „Fassadenpuzzle“

Die Kletterpflanze mit der jeweiligen Kletterstrategie, Kletterhilfe, Fassadenaufbau, Himmelsrichtung, Pflegemöglichkeit – das alles muss zusammenpassen, sonst sind Enttäuschungen und möglicherweise auch Schäden am Haus vorprogrammiert. Bei der Fassadenbegrünung gibt es viele Möglichkeiten, etwas falsch zu machen.

Andererseits stecken in dem vertikalen Grün eine Menge positiver Aspekte und Möglichkeiten wie Blütenpracht, Nahrung für Insekten, Anbau von Salat, Gemüse und Obst, Bindung von Feinstaub und Schallreduktion. Zudem bieten grüne Wände Nistplätze und Nahrung für Vögel, erhöhen die Biodiversität, sehen gut aus und sind ein wertvoller Beitrag zur Klimaanpassung!
 

Jede klettert anders

Kletterpflanzen nutzen ganz verschiedene Strategien und Halte­mechanismen, um in luftige Höhen zu gelangen.

Weinreben an HausfassadeFoto: Edler von Rabenstein/Adobe Stock Leiten Sie Weinreben an waagerechten Drähten entlang – dann haben Sie eine komfortable Pflückhöhe.

BlauregenFoto: mauritius images/Masterfile/R. Ian Lloyd Attraktiver Frühlingsblüher und Insektenweide: Der Blauregen Selbstklimmer kennt jeder, den Begriff vielleicht nicht. Gemeint sind Efeu, Wilder Wein und Kletterhortensie. Mit Haftwurzeln (Efeu, Kletterhortensie) und Haftscheiben (Wilder Wein) können sie direkt an nicht zu glatten Oberflächen die Fassade erobern. Für Nordfassaden sind der schnell wachsende Efeu (Hedera helix) und die langsam wachsende Kletterhortensie (Hydrangea petiolaris) optimal. Für sonnigere Fassaden eignen sich verschiedene Arten des Wilden Weins wie die Fünfblättrige Jungfernrebe (Parthenocissus quinquefolia ‘Engelmanii’) und die Dreilappige Jungfernrebe (Parthenocissus tricuspidata ‘Veitchii’).

Schlinger winden ihre Triebe um die Kletterhilfe herum. Für das nur 2–3 m hoch werdenden Rote Geißblatt (Lonicera x brownii) reicht z.B. ein Edelstahlseil. Das bis zu 12 m Höhe erreichende Immergrüne Geißblatt (Lonicera henryi) braucht stabile Kletterhilfen wie Edelstahlstäbe, und für den extrem kräftig wachsenden Blauregen (Wisteria sinensis) ist ein bis zu 3 cm dickes Rohr angesagt.

Ranker oder Rankpflanzen sind Bezeichnungen, die oft als Oberbegriff für alle Kletterpflanzen verwendet werden. Ein echter Ranker ist die Weinrebe (Vitis vinifera). Sie bildet Ranken aus, die sich z.B. um dünne Drähte eines Gitters schlingen. So ein Wein kann bis zu 12 m hoch werden, was aber die Weinlese erschwert. Besser ist es, die Triebe in gewünschter Höhe in die Waagerechte umzulenken, und schon hat man eine Weinlaube.

Blattstielranker wie die Waldrebe (z.B. Clematis vitalba, C. montana, C. alpina, C. macropetala) bilden hingegen keine separaten Ranken aus, sondern klettern mithilfe verlängerter Blattstiele. Sie kommen am besten mit dünnen Rankgittern oder Ranknetzen zurecht.

Spreizklimmer wie Kletterrose (Rosa) oder Winterjasmin (Jasminum nudiflorum) bilden die letzte Gruppe. Sie klettern mithilfe von langen, sparrigen Trieben an gitterförmigen Kletterhilfen empor.

KletterrosenFoto: Hermann/Adobe Stock Kletterrosen lieben einen Platz an der Sonne.
 

Die richtige Kletterhilfe

Schon seit Jahrhunderten sind das Rosenspalier aus Holz oder Metall genauso wie das Spalier für Spalierobst bekannt und beliebt. Heute können Edelstahlseile und -netze, auch zur Gestaltung der Fassade, eingesetzt werden. Auch Rohre, die vielleicht zusätzlich zur Befestigung von Gittern genutzt werden können, müssen wohlüberlegt sein.

Balkone als KletterhilfenFoto: Heidenreich Nutzen Sie vorhandene Strukturen wie Balkone, um Kletterhilfen anzubringen. Die Kletterhilfe sollte nicht wie ein Fremdkörper an der Fassade hängen, sondern sollte in Farbe, Material und Proportionen den Materialien angepasst sein, die für die Gestaltung des Gebäudes verwendet wurden. Von einem Balkongeländer könnten z.B. einige Stäbe bis zur Pflanzfläche nach unten verlängert werden. Steife Verbindungen mit Metallrohren oder -profilen zwischen Dach(-balken) und Boden(-fundamenten) vermeiden ebenso, dass Halterungen Putz und Dämmung durchdringen müssen. In diese statisch erforderliche Verbindung zwischen Dach und Boden können – je nach Kletterstrategie – Gitter, Netze, senkrechte Stäbe oder Seile montiert werden.

Wichtig ist, dass die Kletterhilfe zur Kletterstrategie der gewünschten Pflanze passt. Ein Efeu wird ein Spannseil einfach ignorieren und irgendwo hochwachsen, und auch eine Clematis kann damit wenig anfangen.
 

Was geht gar nicht?

Sie können z.B. keinen Selbstklimmer auf einem Wärmedämmverbundsystem wachsen lassen. Der Dünnputz auf der Wärmedämmung kann das Gewicht der größer werdenden Kletterpflanze nicht tragen. Zudem zerrt noch der Wind an der Pflanze.

Fünfblättrige JungfernrebeFoto: Tatjana Balzer/Adobe Stock Aufstrebender Selbstklimmer: Fünfblättrige Jungfernrebe Alle Selbstklimmer bilden lichtfliehend Triebe aus. Diese als negativer Phototropismus bezeichnete Eigenschaft schließt Selbstklimmer auch bei hinterlüfteten Fassaden aus. Die Triebe würden in die Spalten zwischen den Fassadenplatten hineinwachsen und durch das Dickenwachstum diese aus den Halterungen sprengen. Auch für das zusätzliche Gewicht sind die Halterungen in der Regel nicht ausgelegt.

Möglichkeiten, diese Fassade zu begrünen, sind, vorhandene Strukturen an der Fassade zu nutzen und zu einer Kletterhilfe für Gerüstkletterpflanzen (Schlinger und Ranker) weiterzuentwickeln – wie z.B. das schon erwähnte Balkongeländer oder die Geländer vor bodentiefen Fenstern.

Ganz ohne Pflege wie Schneiden, Leiten, Gießen oder Düngen geht es bei der Fassadenbegrünung auch nicht. Nicht unerwähnt soll zudem bleiben, dass Sie ohne Zustimmung Ihres Nachbarn nicht einfach seine Garagenwand begrünen können. Trotz Grenzbebauung gehört die Garagenwand dem Nachbarn.
 

Es geht auch ganz anders

Urban Gardening ist hier das Stichwort. Es gibt verschiedene Systeme, die an einer Wand befestigt werden und genug Raum für Erde und Pflanze bieten, sodass Kräuter, Salat, Gemüse oder Erdbeeren sich gut an der Wand entwickeln können.

Der Vollständigkeit wegen wird hier auch die wandgebundene Fassadenbegrünung erwähnt. Vor der Fassade steht eine weitere Wand, an der Textilsysteme, Matten, Kassetten oder Körbe montiert sind, die das Substrat und die Pflanzen aufnehmen. Zwingend erforderlich ist eine automatische Bewässerung, da es hier keinen Bodenanschluss gibt. Hunderte verschiedene Gartenpflanzen können so an der Fassade wachsen und mit ihrer Blüten- und Blattfarbe beeindrucken. Patrick Blanc ist wohl der bekannteste Künstler und Gestalter grüner Pflanzenwände – er hat Kunst und Klimaanpassung zusammengebracht.

Wolfgang Heidenreich
Landschaftsarchitekt bdla
Begrünungsbüro Green City e.V., München
wolfgang.heidenreich@greencity.de


 

Weitere Informationen

Systemhersteller und Fachfirmen finden Sie beim Bundesverband GebäudeGrün unter 
www.gebaeudegruen.info/bugg/mitglieder

Den „Praxisratgeber Gebäudegrün“ können Sie auf der Webseite von Green City kostenlos herunterladen: www.greencity.de/projekt/begruenungsbuero