Warum Fernwärme immer wichtiger wird

Wärme auf Wachstumskurs

Ausbau FernwärmeFoto: ThomBal/Adobe Stock Das Ziel: 100.000 Anschlüsse jedes Jahr. Bald könnte jeder zweite Haushalt mit Fernwärme versorgt werden. 

Die Tage von Öl- oder Gasheizungen sind gezählt: Deutschland hat sich gesetzlich dazu verpflichtet, bis 2045 klimaneutral zu werden. Gerade bei der Wärmeversorgung von Gebäuden hinkt man diesem Ziel aber deutlich hinterher. Noch entfällt über die Hälfte des Endenergieverbrauchs in Deutschland auf den Wärmesektor. Bei der Frage, wie Hausbesitzer ihre Häuser künftig klimaneutral beheizen können, verengt sich die öffentliche Debatte aber schnell darauf, die Vor- und Nachteile von Wärmepumpen zu diskutieren. Aber auch Wärmenetze werden beim Umbau zu einer klimaneutralen Wärmeversorgung eine entscheidende Rolle spielen.

Dabei galt besonders Fernwärme lange eher als Auslaufmodell. Jahrelang nahmen die Zahlen angeschlossener Haushalte nur unwesentlich zu. Nach Angaben des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) wuchs die Zahl der an Fernwärmenetze angeschlossenen Haushalte von 2015 bis 2025 gerade mal von 6,0 auf 6,8 Millionen an. Aktuell sind nur etwas mehr als 15 % aller Haushalte an ein Fernwärmenetz angeschlossen.
 

Kommt Fernwärme zu mir?

Eigenheimer, die wissen möchten, ob auch in ihrem Wohnort irgendwann Fernwärme verfügbar sein könnte, können einen Blick in ihren kommunalen Wärmeplan werfen (siehe „Eigenheimer Magazin“ 11/25). Bis zum 30. Juni 2028 müssen alle kleineren Städte und Gemeinden in Deutschland mit weniger als 100.000 Einwohnern ihre kommunale Wärmeplanung abgeschlossen haben. Für größere Städte ist die Frist bereits abgelaufen – wobei sie nicht von allen Großstädten eingehalten wurde.


Für die Hälfte aller Haushalte

Umso erstaunlicher ist, welche Rolle Fernwärme in Zukunft spielen soll: Bis 2045 sollen jährlich 100.000 neue Anschlüsse realisiert werden, so das erklärte Ziel auf dem „Fernwärmegipfel“ von Branchenverbänden und Bundesregierung im Jahr 2023.

Dies zu erreichen, ist machbar: Nach dem „Prognos Fernwärmeatlas“ könnten bis 2045 knapp die Hälfte aller Haushalte mit Fernwärme versorgt werden, was einem Anstieg auf ca. 20 Millionen Wohnungen entspricht. Von diesen 20 Millionen Wohnungen liegen heute schon mehr als die Hälfte in Gebieten mit vorhandenem Wärmenetz; ein Drittel ist davon bereits angeschlossen, der restliche Anteil könnte durch Nachverdichtungen dazukommen.

So verspricht man sich Kostenvorteile gegenüber dezentralen Lösungen beim Umbau der Wärmeversorgung in Deutschland. „Es ist mit Fernwärme leichter möglich, große Mengen an Wärme zu dekarbonisieren, also klimaneutral zu gestalten. Hier gibt es zentrale Steuermechanismen, und es ist nicht ganz so kleinteilig, wie jedes einzelne Haus zu betrachten“, erläutert Dr. Jana Bosse, Seniorexpertin für Erneuerbare Wärme von der Deutschen Energie-Agentur (dena).

Dabei gibt es große Unterschiede in der Verbreitung und dem Potenzial von Fernwärmenetzen. Wenig überraschend sind diese in den Ballungsräumen und Großstädten wesentlich weiter verbreitet. In 98 % der Großstädte existiert bereits ein Fernwärmenetz.

Ebenso sind der Osten und Norden traditionell stärker bei der Fernwärme, was diese Regionen auch in die Pole-Position für den weiteren Fernwärmeausbau setzt. Berlin, Hamburg, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen sind die Bundesländer mit den höchsten Fernwärmeanteilen – und werden dies wohl auch bleiben.

Im Flächenland Bayern lag der Anteil von Fernwärme im Jahr 2023 bei 7 %. Das Potenzial im Freistaat ist allerdings groß und liegt laut Prognos bei 2,6 Millionen Wohnungen, die bis 2045 an ein Fernwärmenetz angeschlossen sein könnten. Überraschend: Zehn bayerischen Landkreisen werden sogar „sehr gute“ Voraussetzungen für den Ausbau der Wärmenetze attestiert.


Großwärmepumpen statt Gas

Das Problem ist nur: Gleichzeitig zum Ausbau muss ein Großteil der vorhandenen Netze auf klimaneutrale Energieversorgung umgestellt werden. Bislang werden in den rund 3800 Wärmenetzen in Deutschland noch zu zwei Dritteln fossile Energieträger eingesetzt, vor allem Gas und Kohle. Der Anteil von Erneuerbaren Energien und Abwärme liegt bei nicht einmal einem Drittel.


Wärmeversorgung FernwärmeFoto: S. Leitenberger/Adobe Stock Der Ausbau der Fernwärmeleitungen stockt.


2024 ist das Wärmeplanungsgesetz in Kraft getreten, mit dem die Dekarbonisierung der Wärmenetze forciert werden soll. Ab 2030 muss daher jedes Wärmenetz einen Anteil regenerativer Energien von mindestens 30 % aufweisen, ab 2040 dann schon 80 %.

Diese ambitionierten Ziele sollen über verschiedene Maßnahmen erreicht werden. Dazu gehört etwa die Nutzung von Geothermie oder die Installation von Großwärmepumpen anstatt der bislang heute dominierenden Gas- und Kohle-Anlagen mit Kraft-Wärme-Kopplungs-Technologie. Diese sind leistungsstarke Anlagen, die ganze Stadtteile mit Wärme versorgen können. Sie arbeiten dabei wie Hauswärmepumpen, nur im XXL-Maßstab.

„Großwärmepumpen haben den Vorteil, dass sie sehr effizient sind. Je nach Abwärmequelle und benötigter Temperatur kann eine Wärmepumpe aus einer Kilowattstunde Strom zwischen 2 und 5 Kilowattstunden Wärme erzeugen. Das heißt, man hat da wahnsinnige Effizienzgewinne. Großwärmepumpen werden eine zentrale Technologie für die Zukunft sein. In etwa zwei Dritteln der Fernwärmenetze sollen zukünftig Großwärmepumpen zum Einsatz kommen“, so Jana Bosse.


FernwärmleitungenFoto: focus finder/Adobe Stock Fernwärmleitungen werden nur noch selten Heißwasser transportieren.


Die Wärmenetze werden ihre Energie daher mit einer wesentlich niedrigeren Temperatur transportieren, d.h. statt Heißwasser mit bis zu über 100 °C werden vor allem in Neubaugebieten „kalte Nahwärmenetze“ mit gerade mal 25 °C laufen. Wärmenetze mit niedrigen Netztemperaturen lassen sich wesentlich effizienter betreiben. Voraussetzung dafür ist, dass die angeschlossenen Verbraucher durch Dämmen oder eine Niedrigtemperaturheizung zuvor auf die Temperaturabsenkung vorbereitet worden sind.


Finanzierung nicht gesichert

Bislang läuft der Ausbau der Fernwärmenetze jedoch mehr als schleppend. Die jährlichen Ziele werden bei Weitem verfehlt. Das liegt zum einen daran, dass der Bau neuer Netze technisch aufwendig und langwierig ist. Aber auch an den sehr langen Bearbeitungszeiten für Förderanträge. Laut einem Bericht der Tageszeitung taz aus dem April dieses Jahres lag die durchschnittliche Bearbeitungsdauer bei rund 202 Tagen. Bayerns Wirtschafts- und Energieminister Hubert Aiwanger forderte damals eine deutliche Beschleunigung der Förderverfahren, gerade weil die bayerischen Kommunen zurzeit dabei sind, ihre Wärmeplanungen abzuschließen.

Die Umstellung auf regenerative Energien und der Ausbau der Netze setzen zudem hohe Investitionen voraus. Insgesamt werden die Kosten für den Ausbau und die Dekarbonisierung der Fernwärmenetze nach einem Gutachten der Prognos AG auf 43,5 Milliarden Euro allein bis 2030 geschätzt, bis 2045 sollen dann weitere 74 Milliarden notwendig sein.

In der Bundesförderung für effiziente Wärmenetze (BEW) sind 2027 aber nur 1,9 Milliarden Euro eingeplant, für die Folgejahre insgesamt 3,5 Milliarden Euro. Seit dem Start der Bundesförderung im September 2022 hat die Bundesregierung nach eigenen Angaben rund 373,4 Millionen Euro ausgezahlt.
 

Zwang zum Anschluss?

Ein Anschlusszwang besteht dann, wenn Ihre Gemeinde eine eigene „Fernwärmesatzung“ mit Anschluss- und Benutzungszwang erlässt. Das kann sie unabhängig vom kommunalen Wärmeplan tun, etwa aus Gründen des Klima- oder Ressourcenschutzes. Liegt Ihr Grundstück im Geltungsbereich einer solchen Satzung, müssen Sie sich anschließen lassen und die Fernwärme auch nutzen. Die Pflicht greift in aller Regel erst zu dem Zeitpunkt, an dem Sie Ihre Heizung ohnehin austauschen – eine funktionierende Bestandsheizung dürfen Sie weiterbetreiben.


Sollten die Energieversorger die hohen Investitionskosten daher auf die Kunden abwälzen, sind steigende Preise bei der Energieversorgung mit Fernwärme zu erwarten. Viele Experten fordern daher, den Ausbau der Fernwärmenetze mit höheren staatlichen Förderungen zu flankieren, damit die Bezahlbarkeit der Fernwärme auch in Zukunft gewährleistet ist.


Preise ohne Transparenz

Ein großer Streitpunkt der vergangenen Jahre ist auch die Preisgestaltung auf dem Fernwärmemarkt. Im Gegensatz zum Strommarkt kann Fernwärme nicht bundesweit gehandelt werden. In der Regel sind die Betreiber der Wärmenetze auch gleichzeitig die Erzeuger der eingesetzten Energie und somit Quasi-Monopolisten.

In den Verträgen mit den Fernwärmekunden werden in der Regel ein Grund- und ein Arbeitspreis festgelegt, hinzu kommen mitunter weitere Preisbestandteile wie Messgebühren. In der Diskussion sind vor allem die enthaltenen Preisgleitklauseln, die eine regelmäßige Anpassung der Preise ermöglichen. Die Klauseln orientieren sich oft an Standard-Indizes, etwa dem Erdgaspreis.


FernwärmeFoto: Zigmunds/Adobe Stock


2023 eröffnete das Bundeskartellamt ein Verfahren wegen des Verdachts der missbräuchlichen Preiserhöhungen gegen sechs Fernwärmeerzeuger. Demnach besteht der Verdacht, dass die Versorger die Preiserhöhungen durch Auswahl der Indizes deutlich überzeichnet hätten. Noch ist das Verfahren nicht abgeschlossen. Der Verdacht gegen vier Versorger hat sich jedoch seitdem erhärtet, wie das Bundeskartellamt 2025 mitteilte. Der Branchenverband AGFW sieht die Vorwürfe als ungerechtfertigt an.

Auch die Monopolkommission übte 2024 Kritik an der Preisgestaltung auf dem Fernwärmemarkt. Demnach seien etwa die Preisunterschiede zwischen den Tarifgebieten wesentlich größer als bei anderen Energieträgern und die Entwicklung des Gaspreises stehe in keinem statistischen Zusammenhang zur Entwicklung der regionalen Fernwärmepreise.

Seither macht sich vor allem der Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV) für die Rechte von Fernwärmekunden stark und fordert bessere Regelungen, um die Verbraucher vor übermäßigen Preisen zu schützen und etwa eine Preisobergrenze festzulegen.
 

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Um zumindest die Transparenz bei Preiserhöhungen zu verbessern, legen die Versorger seit 2024 Daten zu ihrer Preisgestaltung auf einer selbst geschaffenen Plattform offen (www.waermepreise.info). Die Teilnahme ist jedoch freiwillig, und nicht alle Versorger sind auf der Plattform zu finden. Die Anforderungen der Monopolkommission erfüllt die Plattform ebenfalls nicht.

„Dort sind nicht alle Fernwärmepreise erfasst, und einzelne Faktoren, die gegebenenfalls dazu führen können, dass Fernwärme teurer oder günstiger ist, werden dort nicht gut abgebildet. Man kann dort etwa sehen, welche Energieträger zum Beispiel in dem Netz eingesetzt werden, aber nicht, in welchem Umfang“, so Jana Bosse von der dena, die sich intensiv mit der Preisgestaltung auf dem Fernwärmemarkt auseinandergesetzt hat. 


Neues Gesetz geplant

Die Bundesregierung möchte daher mit einem geplanten „Wärmenetzpaket“ mehr Transparenz und eine stärkere Kontrolle der Fernwärmepreise schaffen sowie den Fernwärmeausbau und die Dekarbonisierung der Netze erleichtern. Dazu hat das Bundeskabinett Ende August Eckpunkte beschlossen. Demnach können die Wärmeversorgungsunternehmen Investitionskosten an die Kunden weitergeben – allerdings erst, wenn die neue Anlage auch tatsächlich in Betrieb ist.

Zum Schutz der Verbraucher sind Ankündigungsfristen für Preisänderungen und ein Sonderkündigungsrecht geplant. Außerdem sollen eine neue Verbraucherschlichtungsstelle, eine verpflichtende Preistransparenzplattform und eine behördliche, nachträgliche Preisaufsicht mit erweiterten Rechnungslegungs- und Buchführungspflichten eingerichtet werden.
 

Wärmenetze in Bayern

Übersichtskarte der Wärmenetze in Bayern zur interaktiven Suche im „Energie-Atlas Bayern“: https://bit.ly/fernwaerme-bayern


Inwiefern das Paket Auswirkungen auf die Preise und den Ausbau der Netze haben wird, bleibt abzuwarten. Dass Kunden aller Fernwärmenetze aber mit steigenden Preisen rechnen müssen, ist nach Untersuchungen der dena nicht der Fall – zu unterschiedlich sind die Voraussetzungen vor Ort, zu unterschiedlich die eingesetzten Energieträger. Wenn aber 2045 wirklich fast jeder zweite Haushalt mit Fernwärme versorgt werden soll, gibt es noch viel zu tun: Konkrete Ausbauziele müssen benannt und die staatliche Förderung muss massiv erhöht werden, erst dann wird es möglich sein, wirklich jedes Jahr 100.000 neue Anschlüsse zu schaffen.

Sören Keller
Verlag W. Wächter

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